Jürgen Morgenstern-Feise

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Ensemble Sondarc
Raummusik für sechs Kontrabässe
Georg Wolf (Giessen) - kontrabass Heinz-Peter Hofmann (Darmstadt) - kontrabass Johannes Frisch (Karlsruhe) - kontrabass Jürgen Morgenstern (Hannover) - kontrabass Reinhart Hammerschmidt (Bremen) - kontrabass Ulrich Phillipp (Wiesbaden) - kontrabass
lkjlklklkj Sechs Kontrabässe und sechs erfahrene Improvisatoren, sechs instrumentale Dialekte und heterogene Temperamente fügen sich beim Ensemble Sondarc zum "Hyperinstrument", wie der Hamburger Musikjournalist Peter Niklas Wilson formuliert. 1994 wurde dieses Projekt gegründet, um ein spezielles Raummusikerleben zu realisieren.
 
Die sechs Musiker, von Bremen bis Karlsruhe über die gesamte Republik verstreut lebend, verfügen - jeder für sich - über ein breites Erfahrungsspektrum in unterschiedlichen Spielarten zeitgenössischer Musik. Als stationäre Klangquellen im Raum um das Publikum herum verteilt entwickelt das Ensemble ein komplexes Netz von Klangwanderungen und -sprüngen. Bewegung und Raum werden so zum zusätzlichen Moment der musikalischen Struktur- und Gestaltbildung. Dabei schöpfen Johannes Frisch, Reinhart Hammerschmidt, Heinz-Peter Hofmann, Jürgen Morgenstern, Ulrich Phillipp und Georg Wolf in vollem Umfang aus dem reichen Klangspektrum ihrer Instrumente vom tiefsten Gebrumm bis zu ätherischen Flageoletts, vom knarzenden Geräusch bis zur mikrotonalen Melodie.
 
Die 1997 veröffentlichte CD "For Four Rooms" wurde unter anderem vom Schweizer Rundfunk DRS-2 in der Sendung "Beste CDs aus Deutschland 97" vorgestellt. Das Ensemble Sondarc war bisher bei Konzerten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu erleben (u.a. Taktlos, Basel & Zürich; Ulrichsberger Kaleidophon; Herbsttage für Aktuelle Musik, Gießen; Per Ce Val, Schaffhausen; Saitensprünge, Bremen) und spielte dabei unter anderem in Kirchen, Galerien, im Autobahntunnel, im Schwimmbad und gelegentlich auch in "normalen" Konzerträumen.
 
Zur CD "For Four Rooms"
Die Chance der Leere
"Man kann es beklagen: Frei improvisierte Musik ist heimatlos. Die etablierten Strukturen und Räume des Musikbetriebs, die Jazz-Clubs und Konzertsäle, haben keinen Platz für sie. Man kann es als Chance begreifen: Wo ihr die tradierten Foren versperrt bleiben, sucht sich die Musik eigene Räume. Leergepumpte Trinkwasserspeicher oder ausgediente Gasometer, Tiefgaragen oder Tunnels, hohle Staumauern oder Kirchen, ja selbst die Pyramiden von Gizeh, das Taj Mahal oder das Leipziger Völkerschlachtdenkmal: kaum ein architektonisch-akustisches Szenario, das nicht mittlerweile von Improvisatoren erschlossen worden wäre. Doch ist der Hang improvisierender Musiker zu neuen Raum-Riten weder allein der Not noch dem Wunsch nach publizitätsträchtigen Aktionen geschuldet. Neue, "unverbrauchte" Räume: Gerade hier kann eine Musik, die im Jetzt entsteht, ihre Trümpfe ausspielen. Wenn die sechs Kontrabassisten des Ensemble Sondarc eine Kirche, ein überhalliges Treppenhaus oder eine ehemalige Schwimmhalle betreten, kommen sie mit leeren Händen: Ihre Musik ist noch nicht da. Sie stehen nicht vor der Aufgabe, präformierte Klangstrukturen einer akustischen Situation anzupassen, Kompromisse zu schließen zwischen Komposition und Realisation. Die Leere ist ihre Stärke: Die Musiker können aktiv auf die Situation reagieren, eine einmalige Musik für den spezifischen Raum kreieren, die Architektur zum Partner des schöpferischen Dialogs erheben.
 
Von der musikalischen Flexibilität und Reaktionssicherheit, die ein solcher Ansatz verlangt, legen die hier versammelten Aufnahmen eindrucksvoll Zeugnis ab. Lustvoll nehmen die sechs Spieler die Herausforderungen der Situation an, mit vielfältigen Strategien, die von radikaler Reduktion bis zur rücksichtslosen Übersättigung des Hör-Raums reichen. Der Gefahr, sich selig-verträumt am Soft Focus eines alles harmonisierenden Nachhalls zu weiden, erliegen sie in keinem Moment. Die trockene, nichts beschönigende Akustik des Tonstudios stimuliert ihre Phantasie ebenso wie das Flatterecho des gekachelten Schwimmbeckens oder die Weite eines Kirchenschiffs. Wenn das Wagnis einer Musik aus dem Geist des Raums gelingt, so vor allem ob der integrativen Kraft dieser Ensemble-Idee. Sechs erfahrene Improvisatoren, sechs instrumentale Dialekte, sechs heterogene Temperamente: Im Ensemble Sondarc verschmelzen die Klänge zu einem Hyper-Instrument, einer riesigen Klangskulptur, einem überdimensionalen Mobile rotierender sonorer Partikel - ein Kaleidoskop-Effekt, der deswegen möglich ist, weil die Spieler, bei aller Individualität ihrer Techniken, über einen reichen gemeinsamen Vorrat bassistischer Phoneme von der perkussiven Attacke bis zum ätherischen Flageolett verfügen. Improvisierte Ensemble-Musik nicht als Simultaneität der Soli, sondern als gemeinsames Weben einer Textur, als Manifestation einer überpersönlichen "Stimme": in der "Raummusik für sechs Kontrabässe" ist dieses Ideal erreicht." (Peter Niklas Wilson)