Jürgen Morgenstern-Feise

Das weiße Blatt
Musik-Tanz-Performance mit Monica Garcia Vicente
Stacks Image 25
Stacks Image 29
Das weiße Blatt steht für den Anfang eines schöpferischen Prozesses, der zum einen unendlichen Freiraum für Entfaltung bietet, gleichzeitig Angst macht, zu versagen, sich zu verlieren. Das Loslegen, Aufbrechen setzt Vertrauen in die eigenen Kräfte und ein Loslassen aller mentalen Begrenzungen voraus.
Es fließen lassen, ist nicht leicht, kann herrlich verspielt sein und Wege zu neuen, unverhofften Entdeckungen anbahnen. So machten es die schreibend Kreativen um André Breton in den 1920er-Jahren. Écriture automatique (automatisches Schreiben) nannten sie es. In der Musik spielt die freie Improvisation wohl schon von Anfang an eine wichtige Rolle, ebenso wie beim Tanz.
Das Duo Monica Garcia Vicente (Tanz) und Jürgen Morgenstern-Feise (Kontrabass, Stimme, Sound) stellt sich dieser Herausforderung in ihrer Performance "Das weisse Blatt", nutzt die in vielen Jahren gesammelten und zuletzt gemeinsam gemachten Erfahrungen in ihren jeweiligen Metiers als Ressourcen und lässt sich in der Zusammenarbeit auf immer wieder neue Konstellationen ein. Wie füllt sich das weiße Blatt, die Bühne mit weißen Blättern als Requisiten? Wie füllt sich der Raum mit Bewegung, Klang? Und Stille. Wird zuvor Gefaltetes entfaltet? Papier als formbares Material? Faltkunst?
Das Publikum nimmt Anteil an einem einmaligen Schöpfungsprozess auf der (anfangs) leeren Bühne. Papier lädt ein zur Fahrt ins Offene, bewegt und klingt dabei stets mit.

……………….
Das weiße Blatt
Jeder kreative Prozess beginnt mit einem weißen Blatt. Unbeschrieben. Offen. Anfangs ungewiss, bedrohlich gar. Zugleich einladend. Herausfordernd. So oder so spannungsgeladen.
Die Performance von Monica Garcia Vicente und Jürgen Morgenstern greift jenes weiße Blatt im wörtlichen Sinne auf, macht es selbst zum Thema. Der Versuch, die den Boden bedeckenden Papierbahnen anfangs mit schnellen Schriftzeichen zu füllen, muss scheitern. Das Papier selbst füllt im Spannungsfeld zwischen dem Agieren der Tänzerin und des Kontrabassisten ausdrücklich den Raum: sichtbar, hörbar, spürbar. Es legt sich in Falten, schmiegt sich an, stiebt auf. Es folgt den ausdrucksstarken, mal zögernden, mal durchgreifenden Bewegungen der Tänzerin, sperrt sich denen; verwandelt sich zu einem weißen Kleid, das dem Tanz jedoch nicht Stand halten kann. Es zerreißt, verknüllt, zerfetzt, wird der Tänzerin zur Last, von der sie sich zu befreien versucht. Es raschelt, knistert leise und rauscht, knattert und wird laut. Seine Geräusche mischen sich in die Klänge, die auf dem Kontrabass und mit der Stimme hervorgerufen werden, in das Summen und Singen, das harmonische oder dissonante Klingen der Saiten unter dem Bogen, in das rhythmische Klopfen und Trommeln auf dem Holz.
Die Äußerungen der Tänzerin und des Kontrabassisten geraten dabei aneinander, verschmelzen ineinander, lösen sich wieder voneinander, um darauf erneut aufeinander zu treffen. Es folgt nicht einfach ein Tanz der Musik, es begleitet nicht nur ein Musikant die Tänzerin. Mimik, Gestik, Körperbewegung der Tänzerin
und des Spielmanns erzeugen die Musik im Zusammenspiel. Das vorsichtige oder entschiedene Auftreten der Tänzerin, das leichte oder kräftige Schlagen auf den Körper des Basses, die kurz oder lang gestrichenen Saiten und der monotone Gesang, dazu das Geräusch oder die Stille, die das Papier hinterlässt, – das ist im Ganzen die Musik. Mimik, Gestik, Körperbewegungen der Tänzerin und des Bassisten erzeugen in diesem Zusammenspiel zugleich im Ganzen den Tanz. Nicht zuletzt in dem Augenblick, in dem die Tänzerin vor und in den Schatten des Kontrabassisten auf dem weißen Blatt tanzt.
Die Aufführung ist von Spannungsbögen durchzogen. Sie tastet sich anfangs aus jener Laut- und Bewegungslosigkeit heraus in die sie am Schluss wieder mündet. Sie verweist auf Momente des Aufhebens, des Verbergens, des Durchbrechens, der Verwandlung. Leichtes wird lastig. Schweres fliegt federleicht. Sie stellt an die Performancekünstlerin und den Performancekünstler eine besondere Anforderung: Das Papier haben sie nicht wirklich in der Hand. Immer wieder führt es sein Eigenleben. Wo genau es sich in Falten legt oder reißt, wohin genau es sich wellt oder fliegt lässt sich erahnen, vorhersagen nicht. So sind die beiden Akteure nicht nur gefordert, immer wieder aufeinander einzugehen, sie müssen auch mit dem umgehen, was das Papier mit sich ausmacht. Das erfordert ein hohes Maß an Improvisation innerhalb einer im Ganzen wohl durchdachten und strukturiert angelegten Komposition.
Auf ungewöhnliche Weise gelingt es den beiden so eine Atmosphäre hervorzurufen, die den Raum vollständig erfüllt und den zuhörenden Betrachter, die zuschauende Zuhörerin für keinen Moment aus der Spannung entlässt. Eine mitreißende Performance.
Dr. Fritz Seydel, Hannover im Juni 2018